Brief 275 - Die gestohlene Stunde

Dieses Wochenende müssen wir mal wieder auf eine Stunde verzichten. Vielleicht fragst Du Dich jetzt, warum die Umstellung auf die Sommerzeit denn ausgerechnet auf den Sonntag fallen muss…?

Auf jeden Fall möchte ich den Anlass aufgreifen, um das Phänomen der Zeit etwas tiefer zu betrachten.

 

Oft rast sie, und wir spüren, dass wir „keine Zeit“ haben. Manchmal dehnt sie sich endlos und kann sogar zur langen Weile - zur Langeweile werden.

Dabei gibt es doch immer nur den gegenwärtigen Augenblick!

 

Der im Jahre 1200 geborene Japanische Zen-Meister Dōgen Zenji betrachtet in seinem Werk Sein-Zeit das Sein und die Zeit aus einer nicht-dualen Perspektive. Ihm geht es darum, die Wirklichkeit als das zu beschreiben, was sie (auch) ist: Ungeteilte Einheit.

Er schreibt:

 

Weil nur dieser eine Augenblick wirklich ist

sind alle Augenblicke der Zeit das Ganze der Zeit

und alle existierenden Dinge und Phänomene sind Augenblicke der Zeit.

Das ganze Sein und das ganze Universum

existieren in jedem dieser individuellen Augenblicke der Zeit.

 

Untersuche das Prinzip, dass alles in der Welt Zeit ist.

Jeder Augenblick enthält die ganze Welt.

Wenn wir das verstehen, ist das der Beginn der Übung und der Beginn der Erleuchtung.

Wenn wir dieses Verständnis erreichen, erkennen wir die Wichtigkeit von jeglichem Tun.

Ein Grasblatt, jeder einfache Gegenstand, jedes lebende Ding, ist untrennbar von der Zeit.

 

Zentrieren wir uns also immer wieder durch unser Sein im gegenwärtigen Augenblick, denn es gibt keinen anderen, in dem wir leben können.

 

Dann verschwindet auch der Eindruck, man hätte uns eine Stunde unserer Zeit gestohlen.